10. August 2016, 21:17 Uhr

Dießen:


Raumfahrt im Bett

Unter dem Titel "Das schwarze Loch" zeigen zwanzig Künstler ihre Arbeiten an drei Orten in Dießen


Süddeutsche Zeitung

Von Katja Sebald, Dießen


Das schwarze Loch kriecht aus den Ecken, es wabert als gummiartige Masse über den Fußboden, durch den ersten Raum und noch weit in den nächsten hinein. Das schwarze Loch dreht sich als wirbelnder Kreisel auf der Leinwand. Das schwarze Loch ist der winzige Punkt des Ichs, so klein wie die unterste Zeile beim Optiker. Das schwarze Loch wird von unsichtbarem Büropersonal dokumentiert. Und es lässt sich per iPad direkt von einem rotierenden Bett aus ansteuern.

Unter dem Titel "Das Schwarze Loch" sind derzeit Arbeiten von zwanzig Künstlern an drei verschiedenen Spielorten in Dießen zu sehen. Es ist eine ebenso überzeugende wie irritierende, eine ebenso spannende wie poetische Ausstellung.

Die maroden Gebäude der ehemaligen Druckerei Huber dienen als suggestive Bühne für eine ganze Reihe installativer Arbeiten. Die Grenzen zwischen dem ruinösen Restmobiliar und den Kunstwerken sind dabei nicht immer scharf gezogen.


Foto: Nila Thiel


Patchwork aus Fahrradschläuchen:

Max Weisthoff mit seiner Arbeit "mass".

Max Weisthoff, der bei Olaf Metzel an der Münchner Kunstakademie studiert, will seine Arbeit "mass" als eine Art Topografie verstanden wissen. Sie besteht aus etwa 2000 Fahrradschläuchen, die er gewaschen, geschnitten und auf einer alten Industrienähmaschine zu einem riesigen Patchwork zusammengenäht hat. Jeder einzelne Stich, jede Minute, jede Stunde, die er nähend verbracht hat, aber auch jeder Kilometer, den die Schläuche in ihrem früheren Leben abgeradelt sind, ist Teil dieser mit Leben aufgeladenen Skulptur, die durch ihre überraschende, beinahe verstörende Materialwirkung, aber auch durch ihre enorme Präsenz besticht.


In einem kleinen Nebenraum zeigt Ben Goossens seine Videoarbeit "Cosmic Vortex", wie immer ist sie passgenau in ihre architektonische Umgebung eingefügt und mit Musik unterlegt.


Foto: Nila Thiel


Das Bild zeigt einen Kosmograph von

Matthias Rodach.

Von Matthias Rodach ist noch einmal seine enorm wirkungsvolle Installation "Unterwegs" zu sehen, diesmal lässt er seinen stehenden Fährmann in einer düsteren Halle durch eine Halde von abgelegten Kleidern navigieren. Die Assoziation zur Unterwelt liegt ebenso nahe wie die zu den Flüchtlingen auf dem Meer - aber weder das eine noch das andere wird expliziert angesprochen. In einem der ehemaligen Büroräume lässt Rodach außerdem von Scheibenwischermotoren angetriebene Bleistifte kryptische Aufzeichnungen machen.

Foto: Jörg Kranzfelder


Das Bild zeigt eine Installation von

Josef Pleier

"nebra • meets • hipparcos"


Entfernung der 370 hellsten Sterne um die Erde, die im Jahresverlauf vom Standort Süddeutschland aus sichtbar sind.


... inklusive „das Schwarze Loch“

Andreas Kloker bespielt eine Art "Klassenzimmer" mit einer Installation aus verschiedenen Stühlen, die auf eine Tafel ausgerichtet sind. Wie immer nimmt er mit seiner leisen Lebenspoesie den Betrachter nur ganz sachte an der Hand und lässt ihm viel Freiraum für eigene Interpretationen.

In einen "Freiraum" besonderer Art hat sich mit dieser Ausstellung auch der Taubenturm verwandelt: Im ersten Stock steht ein riesiges, kreisrundes Bett. Der junge Künstler Olsen Wolf lädt hier zur "Geostationären Raumfahrt" ein: Über ein Tablet kann der Betrachter - der in diesem Fall zum "Belieger" wird - das Bett auf einen Himmelskörper ausrichten und im Gleichklang mit ihm rotieren. Auch eine ganze Nacht kann man auf dieser ungewöhnlichen Liegestatt buchen. Die Bildhauerin Katharina Ranftl bespielt die oberen Turmstübchen mit ihren kleinen Schnitzfiguren und einer sehr feinsinnigen Installation zum Thema Tod und Vergänglichkeit.

Jörg Kranzfelder schließlich zeigt, ebenfalls im Taubenturm, nur ein einziges seiner ungewöhnlichen Detailfotos, das aber in seiner kühlen Schwarz-Weiß-Ästhetik und seinem geheimnisvollen Minimalismus umso eindrücklicher ist.


Jörg Kranzfelder war auch Initiator und Motor für das zehntägige sommerliche Kunst-Event, beteiligt sind außerdem noch Elvira Rosenbaum, Josef Pleier, Rita De Muynck, Wolfgang van Elst, Martin Schmidt, Michael Lutzeier, Ludwig Haller, János Fischer, Eva Lüps, Victoria Mayer und Oliver Bürgin.


Die Ausstellung in den Räumen der ehemaligen Druckerei Jos. C. Huber, im Taubenturm und im Traidtkasten des Klosters wurde am ersten Wochenende ergänzt durch Performances, am kommenden Wochenende finden noch am Freitag von 20 Uhr an ein Konzert und am Samstagabend, ebenfalls 20 Uhr, eine Lesung im Taubenturm statt. Zur Finissage gibt es am Sonntag von 20 Uhr an ein Künstlergespräch. 

8. August 2016, Dießen:


Im hypnotischen Wirbel des Heimatvereins

AUSSTELLUNG IN DER GRAFISCHEN KUNSTANSTALT HUBER


Merkur

Von Uschi Nagel


Dießen – Noch bis 14. August läuft die Ausstellung "Das Schwarze Loch" in der Grafischen Kunstanstalt Huber, im Taubenturm und im Traidtcasten in Dießen.


Mit der „Das Schwarze Loch“ zeigte der Heimatverein Dießen am vergangenen Wochenende einmal mehr, wofür er steht. Initiator der Schau, die noch bis zum 14. August in der Grafischen Kunstanstalt Huber, im Taubenturm und im Traidtcasten zu sehen ist, ist der Fotograf, Grafiker und 2. Vorsitzende des Vereins, Jörg Kranzfelder. Mit seinen Arbeiten möchte er „eine andere Sicht auf normale Dinge“ eröffnen. Das gelingt ihm, indem er – wie schon einmal vor Jahren mit dem „Blauen Haus“ geschehen – ein eigentlich abbruchreifes Haus durch Kunst neu belebt wird. Und ähnlich wie die schwarzen Löcher der Atmosphäre scheint auch der Heimatverein über eine besondere Anziehungskraft auf Künstler zu verfügen. 


Allerdings werden diejenigen, die sich dem Verein nähern, nicht restlos verschluckt, sondern sie erhalten eine angemessene Plattform. 20 Maler, Bildhauer und Performance-Künstler beteiligen sich dieses Mal. Annähernd so geheimnisvoll wie das astronomische Phänomen der schwarzen Löcher, wirken die stillgelegten Produktionsflächen der Grafischen Druckanstalt Huber, zu denen die Gemeinde als Verwalterin des Gebäudes den Künstlern Zutritt gewährte. In der Druckerei, die seit 2003 leer steht, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Vergangenheit, Gegenwart und moderne Kunst verschmelzen auf geheimnisvolle Weise zu einer ganz eigenen Atmosphäre. 

Zentrales Objekt im Raum: Ein kreisrundes Brett

Im Erdgeschoss begegnet der Besucher unter anderem einer Arbeit von Ben Goosens. Sein Video „Cosmic Vortex“ lenkt den Blick weit hinaus. Ein hypnotischer Wirbel.

Eine ganz eigene Performance: Künstlerin Rita De Muynck demonstriert, wie es sich anfühlt, in einem Schwarzen Loch zu verschwinden.

© Nagl

Während man moderne Installationen, Videos, Fotografie, Malerei, Zeichnung, Skulptur und Performance auf sich wirken lässt, stapeln sich in Ecken und Winkeln die Hinterlassenschaften der früheren Nutzungsgeschichte, vergammelter Bürobedarf, kaputte Werkzeuge oder einfach nur Müll, der von den Ausstellungsmachern mit rotweißen Absperrbändern und der Aufschrift „Achtung! Weltraumschrott unbekannter Herkunft“ versehen wurde. Eine ganz eigene Performance. Zu den zentralen Arbeiten, die im Taubenturm zu sehen sind, gehört auch die „geostationäre Raumfahrt“ von Hans Olsen. Zwischen räumlich-visueller und zeitlich-akustischer Regelmäßigkeit schafft Olsens Installation eine irritierend und zugleich elegant kühl gestaltete Erfahrungsmöglichkeit. 

Das zentrale, den Raum bestimmende Objekt der Arbeit ist ein kreisrundes Bett. Es funktioniert als drehender Zeiger, der die Umlaufbahnen der Himmelskörper über den Köpfen erfahrbar werden lässt. Ob man sich im Bett liegend auf die Spuren eines Satelliten, des Mondes oder der Venus heften möchte, ist frei wählbar. Im Traidtcasten ist „Das Schwarze Loch“ auch in der Gestaltungsvariante der Künstlerin Rita De Muynck zu sehen, das aus einer riesigen, mit Weltraumfarbe bemalten Baumscheibe gestaltet wurde. Es korrespondiert mit einer Bildtafel, auf der geschrieben steht: „Jedes Geschöpf sondert seine eigene Leere ab/ die im Weltall dunkle Materie bildet, bis dieses vollgerotzt ist.“ Die Ausstellung ist noch Freitag, Samstag und Sonntag, 12. bis 14. August, jeweils von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

JÁNOS FISCHER

János Fischer beschäftigt sich mit Licht und Schatten. schwarz und weiss:


„Sonnenbewohner haben keinen Schatten.
Die Nacht, wenn die Welt verschwindet, kennen sie nicht. Fragen sie?"


© Foto Jörg Kranzfelder

Wolfgang van Elst, Das schwarze Loch

Bildhauer 

WOLFGANG VAN ELST

Aberwitz




Andreas Kloker, Das schwarze Loch, 2016, Ende der Gegenwart
Andreas Kloker, Das schwarze Loch, 2016



Bildhauer 

MARTIN SCHMIDT

Das schwarze Loch, Ben Goossens, Martin Schmidt

Räume 

BEN GOOSSENS

COSMIC VORTEX

Ein Video von Ben Goossens

Soundtrack von Jakob Hohmann

24:02 Min., 2015


Ben Goossens Video „Cosmic Vortex“ lenkt den Blick weit hinaus. Die Welt ist rund, aber die Zeit ist ein Strudel und der Kosmos ihr Material. Ein hypnotischer Wirbel, eine Entfaltung, interstellare Nebel, Entladungen, flirrendes Licht. Schauen wir hier in eine Flüssigkeit oder ein Gasgemisch oder schauen wir gar in ein riesiges Auge? Die Delirien intergalaktischer Flüge aus Science-Fiction-Filmen klingen an. Und der Wunsch, doch noch hinter das All blicken zu können, dem Schöpfer dabei zuzusehen, wie er es macht.

Ein Wunsch, der nicht erfüllt wird. Wir verharren weiter vor dieser sphärischen Drift und ihr Wirbel nimmt uns mit auf eine Reise, auf der unsere Augen sich schwertun, die Größenverhältnisse einzuschätzen. Kein Blick in die uns umgebende Unermesslichkeit, sondern ein im Atelier des Künstlers geschaffener Kosmos. Gravitation als Mischmaschine. Und das Gefühl: Ich kann mich nicht an den Anfang erinnern. Die Zeit vergeht so schnell.


Nikolai Vogel, Oktober 2015




Geostationäre Raumfahrt 

Olsen Wolf

Geostationäre Raumfahrt

Zwischen räumlich-visueller und zeitlich-akustischer Regelmässigkeit schafft die Installation „geostationäre Raumfahrt“ von Olsen eine irritierend und zugleich elegant kühl gestaltete Erfahrungsmöglichkeit. Das zentrale, den Raum bestimmende, Objekt der Arbeit ist ein kreisrundes Bett. Es funktioniert als Zeiger, der unterschiedliche Takte übersetzt und erfahrbar werden lässt, und zwar die individuellen Geschwindigkeiten der himmlischen Körper über unseren Köpfen. Welches Objekt am Himmel, ein Satellit, der Mond oder die Venus den Takt bestimmen, das ist in dieser Installation wählbar.Je nach Wahl, wird die mechanische Geschwindigkeit des Himmelskörpers im Ausstellungsraum unterschiedlich spürbar. (Nils Röller)


Mission statement

Anschliessend an die ersten Fotos der Mondrückseite (Lunik 3, 1959) nimmt die unmittelbare Erforschung des Kosmos ihren Fortgang. Die Erreichbarkeit der Himmelskörper war bis dahin ein Raumfahrtproblem. Die Frage ob Träume unsere Gedanken und Gefühle (in einem geostationären Schlafgemach) nicht nur beeinflussen, sondern auch steuern können, ist noch klärungsbedürftig.

Die vorliegende Arbeit will durch Mutation menschlicher Sinnesorgane und nüchterne rechnerische Verfolgung aller scheinbar im Wege stehenden Naturgesetze und Vorstellungsschwierigkeiten zu der Erkenntnis beitragen, dass das Universum nie schläft.







Ermöglicht wird eine Nacht im Orbit verschiedener Himmelskörper zum Beispiel im Orbit des Merkur, des schnellsten Planeten in unserem Sonnensystem, oder im Orbit der Werkzeugtasche, welche Heidemarie Stefanyshyn-Piper am 18. November 2008 bei ihren Wartungsarbeiten an der ISS verloren hatte.

Möglich wird diese Reise durch ein drehbares Bett, das als Apparatur dient, um die Leistungsfähigkeit der natürlichen Sinnesorgane des Homo Sapiens zu erhöhen. Neben dem Bett befindet sich ein Monitor, auf welchem sich ein beliebiger Himmelskörper innerhalb und ausserhalb unseres Sonnensystems (Stern, Planet, Satellit, Weltraumschrott) auswählen lässt.


Das Bett navigiert in die aktuelle Position des gewählten Himmelskörpers und dreht sich mit diesem mit.

Totentanz, Katharina Ranftl Andress



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© Jörg Kranzfelder


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